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Freital von A bis Z - L wie Lederfabrik Sohre

verfasst am 25.05.2026

L wie Lederfabrik Sohre – Von der Industriebrache zum Mühlenpark

Die ehemalige Lederfabrik Sohre im Freitaler Stadtteil Deuben gehörte über viele Jahrzehnte zu den bedeutenden Industrieanlagen der Stadt. Wo heute der moderne Mühlenpark zum Verweilen einlädt, wurde einst Leder für verschiedenste Zwecke produziert.

Die Geschichte des Areals spiegelt zugleich die industrielle Entwicklung Freitals, die Umbrüche nach der Wiedervereinigung und die erfolgreiche Umgestaltung ehemaliger Industrieflächen wider.

Von der Samtfabrik zur Lederfabrik

Die Geschichte des Standorts begann bereits im Jahr 1842. Damals gründeten die Brüder Carl und Ernst Berndt an der heutigen Poisentalstraße eine Samtfabrik.

Besondere Bedeutung erlangte der Betrieb, weil dort als erstes Werk im Königreich Sachsen sogenannte Manchester-Gewebe mit dampfbetriebenen Webstühlen hergestellt wurden. Die Fabrik gehörte damit zu den frühen Beispielen der Industrialisierung in der Region.

Im Jahr 1893 entstand auf dem Gelände die von den Brüdern Karl Oswald Sohre und Heinrich Reinhold Sohre gegründete Lederfabrik. Das neue Werk war deutlich größer als die bisherige Bebauung und entwickelte sich schnell zu einem wichtigen Arbeitgeber in Deuben.

Brand und Wiederaufbau

Bereits 1899 wurde das große Werksgebäude durch einen Brand schwer beschädigt. Das Werk wurde jedoch nicht aufgegeben.

Bis zum Jahr 1909 erfolgte der Wiederaufbau der Fabrikanlage. Die Lederfabrik entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem erfolgreichen Industriebetrieb und prägte das Erscheinungsbild des Stadtteils nachhaltig.

Durch den Anschluss an die Güterbahn Deuben war das Werk außerdem gut in das regionale Verkehrsnetz eingebunden.

Produktion und wirtschaftliche Bedeutung

Im Jahr 1922 schloss sich die Freitaler Lederfabrik mit dem Unternehmen Heinrich Berger aus Ostritz zusammen.

Produziert wurden unter anderem:

  • Lederwaren für Industrie und Handwerk
  • Faltenbälge für Eisenbahnwagen
  • technische Lederprodukte
  • später auch Ausrüstungsgegenstände für das Militär

Die Fabrik gehörte damit über Jahrzehnte zu den wichtigen Industriebetrieben Freitals und sicherte zahlreichen Familien ihren Lebensunterhalt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Anders als viele andere Industrieanlagen blieb die Lederfabrik während des Zweiten Weltkrieges weitgehend unbeschädigt.

Nach Kriegsende konnte die Produktion deshalb schnell wieder aufgenommen werden. Im Jahr 1946 arbeiteten bereits wieder mehr als 230 Menschen im Werk.

Mit der Enteignung im Zuge des Volksentscheids in Sachsen wurde der Betrieb verstaatlicht und als VEB Freitaler Lederfabrik weitergeführt.

Während der DDR-Zeit blieb die Lederproduktion ein wichtiger Bestandteil der örtlichen Wirtschaft.

Das Ende der Lederproduktion

Nach der deutschen Wiedervereinigung ging die Fabrik an die Treuhandanstalt über.

Im Jahr 1991 wurde die Produktion endgültig eingestellt.

Zurück blieb ein großes Industrieareal, das über viele Jahre leer stand. Verschiedene Ideen für eine Nachnutzung wurden diskutiert. Unter anderem war geplant:

  • ein Finanzamt anzusiedeln
  • ein „Haus der Bildung“ einzurichten
  • Verwaltungs- und Behördenstandorte zu schaffen

Keine dieser Ideen konnte jedoch umgesetzt werden.

Die schwierige Entscheidung zum Abriss

Die Stadt Freital kaufte das Gelände im Jahr 2013 und ließ umfangreiche Untersuchungen durchführen.

Dabei zeigte sich, dass:

  • die Bausubstanz stark geschädigt war,
  • erhebliche Altlasten vorhanden waren,
  • eine Sanierung wirtschaftlich kaum darstellbar gewesen wäre.

Die Kosten für eine Erhaltung wurden auf deutlich über acht Millionen Euro geschätzt.

Nach intensiven Diskussionen entschied sich der Stadtrat deshalb für den Rückbau der Fabrik. 2019 begann schließlich der Abriss des Gebäudes.

Die Entscheidung war nicht unumstritten, wurde jedoch letztlich als wirtschaftlich sinnvollster Weg angesehen.

Entstehung des Mühlenparks

Mit dem Abriss eröffnete sich die Chance, das Gelände grundlegend neu zu gestalten.

Zwischen 2020 und 2022 entstand auf dem Areal der heutige Mühlenpark.

Die neue Anlage umfasst:

  • Grünflächen und Aufenthaltsbereiche
  • Sitzgelegenheiten
  • Wege und Beleuchtung
  • einen Spielplatz
  • Fahrradstellplätze
  • neue Baum- und Heckenpflanzungen

Damit erhielt Deuben eine attraktive öffentliche Freifläche mit hoher Aufenthaltsqualität.

Der historische Mühlgraben als Herzstück

Eine besondere Rolle spielt der alte Mühlgraben, der über Jahrzehnte auf dem Fabrikgelände verborgen war.

Im Zuge der Umgestaltung wurde er freigelegt und sichtbar in den Park integriert.

Heute bildet der historische Wasserlauf mit:

  • einer Brunnenanlage,
  • einem Steg,
  • illuminierten Wasserflächen
  • und erhaltenen historischen Mauern

den gestalterischen Mittelpunkt des Mühlenparks.

Damit bleibt ein Stück der Geschichte des Standorts bis heute erlebbar.

Bedeutung für Freital heute

Die ehemalige Lederfabrik Sohre steht beispielhaft für den Wandel vieler Industriestandorte in Ostdeutschland.

Aus einem stillgelegten Fabrikgelände entstand ein moderner öffentlicher Raum, der den Stadtteil Deuben deutlich aufwertet.

Heute ist das Areal:

  • ein wichtiger Erholungsort für Anwohner,
  • Bestandteil der Stadtentwicklung rund um den „Sächsischen Wolf“,
  • ein Beispiel gelungener Brachflächenentwicklung,
  • ein Erinnerungsort an die Industriegeschichte Freitals.

Viele Freitaler verbinden das Gelände noch immer mit der alten Lederfabrik. Tatsächlich ist die Fläche heute jedoch vor allem durch den Mühlenpark bekannt.

Der historische Mühlgraben, der jahrzehntelang auf dem Fabrikgelände verborgen lag, wurde erst durch den Abriss wieder sichtbar und ist heute das prägende Element der gesamten Anlage.

So lebt ein Stück Industriegeschichte Freitals bis heute weiter – nur in einer völlig neuen Form.

Bildnachweise:

© Wikimedia Commons / Loracco